Und Sie sprachen "Digitalisiert"

Painting of women talking

Du bist Geschäftsführer- oder Geschäftsführerin - irgendwo in Deutschland in dritter Generation. Verantwortung für 400 Menschen und das halbe Dorf.

Zwischen Lachs-Tomate-Spießchen vom Buffet und motivierten Wirtschaftsförderern hörst du auf einer Abendveranstaltung am Donnerstag schon wieder den Begriff "Digitalisierung". Klaus der Spediteur hat jetzt eine App, der Maschinenbauer was mit künstlicher Intelligenz.

Doch diesmal ist es anders. Der Vortrag eines Managers hat dich überzeugt. Dieser Konzern spart Kosten, hat tolle Prozesse und alles in der Cloud. Das kannst du auch.

Das Meeting

Eine Strategie muss man haben. Und so beschließt die Geschäftsführung mit zwei Abteilungsleitern ein paar Wochen später das Digitalisierung höchste Priorität hat. Man war ja schon immer innovativ. Im Meeting mit der IT-Chefin und einem Azubi - man will ja die jungen Leute einbinden - geht es weiter. Ideen werden gefunden, ein neuer Server ist notwendig und dank der jungen Unterstützung muss man doch auch mal eine Facebook-Seite aufmachen. Alle Vorschläge schreibst du in dein Notizbuch.

Elon Musk baut Raketen, Frank Thelen autonome Kleinstflugzeuge und dein Unternehmen wird nun endlich einen Onlineshop für Ersatzteile aufbauen und die Urlaubsanträge kann man dann direkt am Strand per Smartphone statt Fax einreichen.

Das Lastenheft

Die IT-Chefin ist zu beschäftigt - das Update vom ERP-System steht an. Also schreibt der Kollege Johannes zusammen mit Katharina aus dem Einkauf das Lastenheft für die Digitalisierung. Johannes kennt sich gut mit Computern aus und hat sogar während des Studiums einen Onlineshop betrieben.

Die möglichen Partner für die Digitalisierung haben kann teilweise komische Rückfragen. Aber eine Firma hat Ahnung und versichert dir dass Sie die Digitalisierung bis Ende des Jahres umgesetzt haben. Die könnten sogar künstliche Intelligenz. Ihr Preis liegt im Mittelfeld also unterschreibst du nach einem großen Meeting und Rücksprache aller Beteiligten den Auftrag. So viel Geld für Software?

Katharina bringt dann den Vertrag zur Post. So beginnt die digitale Transformation.

Die Umsetzung

Die Wir arbeiten jetzt agil. Geplant wird nur alle zwei Wochen in einem gemeinsamen Treffen das viel Spaß macht. Änderungen darfst du trotzdem jederzeit wünschen. Dieses Kanban-Board wären doch auch was für dein Backoffice? Die Programmierer programmieren und nutzen Fachbegriffe wie DevOps, Continous Integration, Release Trains und streiten ständig über Elektronen und Reinigungstücher. Profis am Werk.

Du lernst dass der Internet Explorer out ist aber Microsoft wieder cool. Der Shop funktioniert, sieht gut aus und die Suche ist besser als im ERP (Mit Update!). Bei der App gibt es mehr Bugs und Probleme - die werden aber wohl noch gelöst.

Als dann ein großer Kundenauftrag ins Haus kommt gibst du die Projektleitung ab. Der Azubi übernimmt zusammen mit Johannes. Nach einigen Monaten mit fragwürdigem Fortschritt startet dein neuer Onlineshop. In der Regionalpresse wirst du für die Innovation gelobt: Bald hat Amazon keine Chance mehr.

Die Realität

So wirklich einschlagen mag die Software nicht. Du bleibst aber optimistisch dass jetzt die Bestellungen nur so fliegen und redest auf dein Vertriebsteam ein. Doch es fehlen Inhalte. Die Daten aus dem ERP können nicht übertragen werden. Ein Softwarefehler hat den ersten Testkunden geärgert und auf dem Smartphone ist das Design kaputt. Der Azubi entdeckt zufällig eine Analysefunktion die neben den laufenden Kosten für die Cloud dir auch verrät, dass gerade einmal 50 von 5000 Kunden den Shop bisher besuchten.

Die App für Urlaubsanträge wurde irgendwann später fertig. Keiner deiner Mitarbeiter wollte Sie auf dem privaten Handy installieren, außerdem fehlte eine Android-Version.

Die Profis vom externen Dienstleister sind sich sicher, diese Probleme mit künstlicher Intelligenz zu lösen. Du steckst das Geld in den Folgeauftrag, der neue Porsche muss dann halt warten.

Und tatsächlich läuft dein Laden weiterhin gut und wächst. Gabi kommt gar nicht hinterher vor lauter Bestellungen per Telefon. Dafür darf Sie sogar während Covid-19 im Büro bleiben weil von zu Hause geht das ja nicht.

Ein Blick in die Zukunft

Ein Jahr später. Es ist wieder Donnerstagabend. Diesmal gibt es irgendwas vegan-regionales am Buffet. Du erzählst Max mit dem Ingenieurbüro wie toll das mit der Digitalisierung klappt und das ihr plant, bald mit der Blockchain Ersatzteile auf der ganzen Welt zu verkaufen.

Dein Azubi wird ein Jahr später fertig, nach Kalifornien auswandern und ein Startup gründen. Die machen auch was mit Digitalisierung. Im zweiten Anlauf verkauft er das Unternehmen für Millionen. Painting of a drunken fool

2020-11-01

Philipp Reiner 

is an expert for digital business models. I combine strategy, user experience and software to create a sustainable future today.